Hochzeitsnacht der Tigerschnegel

Tigerschnegel

Ich hatte zwar davon gehört, es aber zuvor niemals selbst gesehen.
Doch neulich Nacht wurde ich dann gleich zweifach Zeugin der ganz besonderen Paarung der Tigerschnegel.

Was daran so besonders sein soll, fragt ihr euch? Ich möchte es euch gerne verraten, doch zunächst eine kleine Warnung: Wer beim Anblick von Nacktschnecken eher Ekel empfindet, sogar bei dieser hübsch gemusterten Art, der liest ab hier am besten nicht weiter. Für alle anderen…

 

Tigerschnegel "am seidenen Faden"Falls ihr Tigerschnegel noch nicht kennt:

Tigerschnegel sind besonders große Nacktschnecken, die durch ihre raubtierhafte Musterung auffallen. Man findet sie an eher feuchten, schattigen Orten (ein weiterer Grund für Totholzstapel im Garten, das nur nebenbei), die sie meist erst abends verlassen.

Sie sind, so könnte man sagen, die Guten unter den Schnecken – zumindest aus gärtnerischer Sicht. Denn sie haben es weniger auf unser Gemüse und unsere Blumen abgesehen, als vielmehr auf abgestorbene Pflanzen. Aber sie fressen auch andere Nacktschnecken und deren Eier. Sie sind also selbst keine Schädlinge, sondern – ganz im Gegenteil! – Schädlingsbekämpfer.

Als Gärtner sollte man daher keinesfalls gegen diese Schnecken im Leoparden-Look vorgehen, sondern sich über ihre Gegenwart freuen, denn sie stehen uns zur Seite.

Doch was ist nun das Originelle an ihrer Paarung?
Nun, sie machen es auf eine äußerst akrobatische und anmutige Weise: Schwebend. Sie sondern extra zu diesem Zweck einen Faden aus Schleim ab, an dem sie sich gemeinsam abseilen. Und das geht so:


Erster Teil: Verfolgungsjagd

 

Tigerschnegel: Beginn der Paarung

Eines der beiden Weichtiere beginnt, hinter dem anderen herzukriechen. Es beginnt eine lange dauernde Verfolgung im Gänsemarsch, eine Schnecke hinter der anderen. Ihr Ziel ist dabei ein hoch gelegener Ort, in diesem Fall unser Gewächshaus. Dort kriechen sie in enger werdenden Kreisen umeinander herum. Eine der Schnecken legt dabei schließlich den Kopf der anderen auf den Rücken.

 


Zweiter Teil: Gordischer Knoten

 

Paarung Tigerschnegel: Verschlingen und abseilen

Die beiden Tiere verschlingen sich immer weiter und dichter ineinander. Dabei bewegen sie sich mit einem für Schnecken geradezu rasanten Tempo. Sie beknabbern sich gegenseitig und heben ihre Mantelschilde, wie man auf den Fotos erkennen kann. Es beginnt nun das Abseilen am Schleimfaden.

 


Dritter Teil: Freier Fall

 

Paarung Tigerschnegel

Nun erscheint erst bei der einen, dann bei der anderen frei schwebenden Schnecke ein längliches Organ – es ist genau das, wonach es aussieht, und was sich bei dieser Gelegenheit leicht erraten lässt. Da Schnecken Zwitter sind, sind beide Partner damit ausgestattet. Die beiden Organe müssen sich erst noch finden, um sich ebenfalls gegenseitig zu umschlingen. Das ist anscheinend gar nicht so leicht, denn es nahm einige Zeit in Anspruch. Schließlich war es aber geschafft.

 


Vierter Teil: Es kommt zum Äußersten

 

Tigerschnegel Paarung

Die Schnecken sind komplett verschlungen, nun ist es endlich soweit: Es wird alles ausgetauscht, was ausgetauscht werden soll. Danach, wenn das erledigt ist, wird alles wieder in den Körper eingezogen, was dort auch zuvor versteckt war. Die Schnecken sind fertig, sie trennen sich und kriechen auseinander.

 

Tigerschnegel nach der Paarung

 

Beim ersten Schneckenpärchen, das ich in dieser Nacht sah, gab es noch etwas Eigentümliches: Eine der beiden fraß den schleimigen Faden auf, an dem sie sich davor abgeseilt hatte. Naja, dieses spezielle Detail fand ich jetzt nicht so appetitlich. Aber dennoch war dieses kleine Naturschauspiel in seiner Gesamtheit faszinierend und es hat mich außerordentlich gefreut, dass ich es beobachten durfte.

Und das Gute daran ist zudem, dass es eine neue Generation von Nützlingen in unserem Garten gibt, die dafür Sorge trägt, dass die Population ihrer Salat vertilgenden Verwandten nicht überhand nimmt.

 

 

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8 Gedanken zu „Hochzeitsnacht der Tigerschnegel

  1. Vielen Dank für das große Lob! 🙂
    So etwas sieht man ja auch nicht alle Tage. Dass wir die Tigerschnegel in der Dunkelheit überhaupt entdeckt haben, war ein Zusammenspiel von Glück und Zufall.

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  2. Wow!
    Nie gesehen, nicht gewußt – aber Tigerschnegel haben wir auch im Garten, vielleicht darf ich ja irgendwann auch mal zusehen.
    Wie lange hast Du denn Geduld haben müssen, um das Schauspiel vollständig zu dokumentieren?

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, da war tatsächlich Geduld gefragt – es lief eben alles im Schneckentempo ab.
      Wir hatten die Tigerschnegel entdeckt, als sie das Gewächshaus auf halber Höhe erklommen hatten. Von da an hat es noch circa eine Stunde gedauert, bis sie fertig waren. Wobei es aber am Schluss relativ schnell ging: Die eigentliche Sache mit Beginn des Abseilens war in zehn Minuten vorbei.

      Ich wünsch dir viel Glück, dass du deine Tigerschnegel hoffentlich auch einmal auf frischer Tat ertappen kannst! 😉

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